Weniger KI-Hype, mehr Umsetzung: Was Unternehmen jetzt wirklich brauchen
Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsthema mehr. Sie ist da, sie verändert Prozesse, Kommunikation, Geschäftsmodelle und Arbeitswelten – und genau deshalb verschiebt sich die entscheidende Frage zunehmend. Es geht nicht mehr darum, ob Unternehmen KI einsetzen sollten, sondern darum, wie sie Künstliche Intelligenz sinnvoll, sicher und strategisch in ihren Unternehmensalltag integrieren können.
Genau diese Fragen standen auch im Mittelpunkt der zweitägigen Sitzung des DIHK-Ausschusses für Kommunikation, Medien- und Kreativwirtschaft zu Gast bei der IHK Heilbronn-Franken, an der unsere Geschäftsführerin Anja Polzer als Ausschussmitglied teilgenommen hat. Neben Künstlicher Intelligenz ging es um digitale Souveränität, Cybersecurity, Transformation, Urheberrecht und die Frage, wie Unternehmen mit einer technologischen Entwicklung umgehen, deren Geschwindigkeit inzwischen deutlich höher ist als die Veränderungsgeschwindigkeit vieler Organisationen.
Dabei wurde eines besonders deutlich: Wir brauchen weniger KI-Hype und mehr Klarheit darüber, wo KI tatsächlich Mehrwert schafft und wie Unternehmen aus technischen Möglichkeiten konkrete Anwendungen entwickeln können.
KI ist angekommen, aber ist sie auch schon im Unternehmen angekommen?
Inzwischen gibt es kaum ein Unternehmen, das sich nicht zumindest punktuell mit KI beschäftigt. Mitarbeitende nutzen Chatbots, Texte werden mit KI vorbereitet, Präsentationen unterstützt, Bilder generiert oder Daten ausgewertet. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass KI bereits strategisch im Unternehmen verankert ist.
Zwischen „Wir nutzen ChatGPT“ und einer echten KI-Strategie liegt ein großer Unterschied. Unternehmen müssen sich zunächst fragen, wo ihre größten Zeitfresser, wiederkehrenden Aufgaben und ineffizienten Prozesse liegen. Erst danach sollte entschieden werden, an welchen Stellen KI tatsächlich sinnvoll unterstützen kann.
Gerade im Marketing und in der Kommunikation sehen wir bei der Social Media King GmbH täglich, wie schnell KI Prozesse beschleunigen kann. Ideen lassen sich strukturieren, Inhalte vorbereiten, Texte variieren oder große Datenmengen schneller analysieren. Gleichzeitig erleben wir aber auch, dass KI nicht automatisch bessere Kommunikation erzeugt.
Denn gute Kommunikation braucht weiterhin Kontext, Erfahrung, Zielgruppenverständnis und eine klare Haltung. KI kann Prozesse beschleunigen, aber sie ersetzt nicht automatisch die strategische Entscheidung dahinter.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Was kann dieses Tool?“, sondern: „Welches konkrete Problem in unserem Unternehmen lösen wir damit?“
Digitale Souveränität wird zur unternehmerischen Aufgabe
Ein weiterer Schwerpunkt der Ausschusssitzung war das Thema digitale Souveränität. Was zunächst technisch klingt, betrifft inzwischen praktisch jedes Unternehmen.
Wer kontrolliert die eigenen Daten? Welche Plattformen und Softwarelösungen werden eingesetzt? Wo werden Informationen gespeichert? Wie abhängig ist ein Unternehmen von einzelnen internationalen Anbietern? Und welche Alternativen bestehen, wenn sich Preise, Bedingungen oder Zugänge verändern?
Diese Fragen werden mit zunehmendem KI-Einsatz noch wichtiger. Viele KI-Systeme arbeiten mit Unternehmensdaten, internen Dokumenten oder Informationen, die nicht ohne Weiteres in externe Systeme eingegeben werden sollten.
Digitale Souveränität bedeutet deshalb nicht, sämtliche Technologien selbst entwickeln zu müssen. Sie bedeutet vielmehr, bewusst zu entscheiden, welche Abhängigkeiten ein Unternehmen eingeht und wo Kontrolle über Daten, Prozesse und Infrastruktur erhalten bleiben muss.
Dieser Gedanke lässt sich übrigens sehr gut auf Social Media übertragen. Viele Unternehmen investieren über Jahre in Reichweite auf Instagram, LinkedIn, Facebook oder TikTok. Diese Reichweite gehört ihnen jedoch nicht. Plattformen können Algorithmen, Geschäftsmodelle oder Zugangsbedingungen jederzeit verändern.
Auch hier zeigt sich: Digitale Sichtbarkeit ist wichtig, sollte aber immer Teil einer größeren Strategie sein.
Cybersecurity und KI lassen sich nicht getrennt betrachten
Je stärker Unternehmen digital arbeiten, desto wichtiger wird das Thema Cybersecurity. Mit jedem zusätzlichen Tool, jeder Cloud-Anwendung und jedem KI-System entstehen neue Schnittstellen und damit potenzielle Risiken.
Sofie Schönborn von Schwarz Digits und dem Institut für Cybersecurity brachte im Rahmen der Veranstaltung genau diese Perspektive ein. Digitale Handlungsfähigkeit bedeutet eben nicht nur, neue Technologien schnell einzusetzen. Sie bedeutet auch, Risiken zu verstehen und klare Rahmenbedingungen zu schaffen.
Für Unternehmen beginnt Cybersecurity dabei häufig bei sehr grundlegenden Fragen: Welche Daten dürfen Mitarbeitende in KI-Systeme eingeben? Welche Anwendungen sind freigegeben? Wie werden Zugänge geschützt? Welche sensiblen Informationen dürfen niemals in externe Systeme gelangen? Und wissen Mitarbeitende überhaupt, welche Risiken bestehen?
Technologie allein löst diese Fragen nicht. Unternehmen brauchen klare Regeln, Schulungen und Verantwortlichkeiten.
Transformation ist keine Softwareinstallation
Ein weiterer wichtiger Punkt: Digitalisierung und KI sind keine reinen Technologieprojekte.
Unternehmen können die beste Software der Welt kaufen – wenn Mitarbeitende sie nicht verstehen, nicht akzeptieren oder keinen Mehrwert darin erkennen, wird daraus keine erfolgreiche Transformation.
Genau deshalb spielt Kommunikation eine so zentrale Rolle. Veränderungen müssen erklärt werden. Mitarbeitende müssen verstehen, warum Prozesse angepasst werden, welche Vorteile entstehen und welche Auswirkungen das auf ihre eigene Arbeit hat.
Hauke Hannig, Vice President Communications & Global Affairs bei ebm-papst, brachte die Perspektive erfolgreicher Veränderungsprozesse in Unternehmen in die Diskussion ein. Gerade bei großen Transformationen zeigt sich immer wieder: Die technische Umsetzung ist häufig nur ein Teil der Aufgabe. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, wie Menschen mitgenommen werden.
Für Führungskräfte bedeutet das, Veränderungen nicht einfach anzukündigen, sondern Orientierung zu geben. Wo wollen wir hin? Warum verändern wir etwas? Welche Rolle spielt KI dabei? Was bedeutet das konkret für einzelne Teams?
Transformation funktioniert dann am besten, wenn Menschen nicht das Gefühl haben, dass Veränderung mit ihnen passiert, sondern dass sie selbst ein Teil davon sind.
KI verändert Geschäftsmodelle, nicht nur Prozesse
KI wird häufig zuerst unter dem Gesichtspunkt der Effizienz betrachtet: Texte schneller erstellen, Daten schneller auswerten, Prozesse automatisieren.
Dabei greift diese Betrachtung möglicherweise zu kurz.
KI kann nicht nur bestehende Prozesse verbessern, sondern völlig neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle ermöglichen. Genau damit beschäftigte sich unter anderem Dr. Tobit Esch, CEO von 7 Hills Neo und KI-Experte, bei der Ausschusssitzung.
Für Unternehmen bedeutet das: Es reicht langfristig nicht aus, bestehende Abläufe etwas schneller zu machen. Spannender wird die Frage, welche Leistungen durch KI überhaupt erst möglich werden.
Welche Services könnten Kunden künftig erwarten? Welche Produkte lassen sich automatisiert personalisieren? Welche Dienstleistungen können neu gedacht werden? Welche Tätigkeiten verschwinden möglicherweise – und welche neuen Kompetenzen werden dafür wichtiger?
Gerade für den Mittelstand entstehen daraus enorme Chancen. Denn kleinere und mittelständische Unternehmen können heute Technologien nutzen, für die vor wenigen Jahren noch sehr große Entwicklungsbudgets notwendig gewesen wären.
Urheberrecht wird durch KI noch komplexer
Mit der zunehmenden Nutzung von KI rückt auch das Thema Urheberrecht stärker in den Fokus. Julian Kulaga von der DIHK brachte hierzu die Perspektive des Urheberrechts im digitalen Binnenmarkt ein.
Für Unternehmen entstehen damit neue Fragen: Wem gehört ein KI-generierter Inhalt? Welche Trainingsdaten wurden für ein Modell verwendet? Darf ein erzeugtes Bild oder ein Text kommerziell genutzt werden? Welche Rechte gelten bei Musik, Fotos oder Videos?
Gerade im Social-Media-Bereich ist dieses Thema längst keine theoretische Diskussion mehr. Unternehmen veröffentlichen täglich große Mengen an Content und müssen sicherstellen, dass sie die notwendigen Nutzungsrechte besitzen.
Aus genau dieser Erfahrung heraus ist beispielsweise unser CopyrightChecker.de entstanden, mit dem bereits veröffentlichte Instagram Reels und TikTok-Videos automatisiert auf mögliche Musikurheberrechtsrisiken geprüft werden können.
Die technische Entwicklung macht Contentproduktion immer einfacher. Die rechtliche Verantwortung verschwindet dadurch jedoch nicht – im Gegenteil.
KI braucht Regeln, aber auch Experimentierfreude
Bei allen Risiken und offenen Fragen wäre es aus unserer Sicht falsch, KI ausschließlich defensiv zu betrachten.
Unternehmen brauchen klare Regeln, Datenschutz, Sicherheitsstandards und Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig brauchen sie aber auch Räume zum Experimentieren.
Denn viele sinnvolle Einsatzmöglichkeiten entstehen erst dadurch, dass Mitarbeitende ausprobieren dürfen, welche Aufgaben sich vereinfachen lassen und welche Prozesse neu gedacht werden können.
Eine gute KI-Strategie sollte deshalb beides ermöglichen: klare Grenzen und gleichzeitig genügend Freiheit für Innovation.
Das bedeutet beispielsweise, freigegebene Tools zu definieren, interne Leitlinien zu erstellen und Mitarbeitende zu schulen. Gleichzeitig sollten Unternehmen konkrete Pilotprojekte starten, Erfahrungen sammeln und funktionierende Ansätze anschließend skalieren.
Wer darauf wartet, dass sämtliche Fragen rund um KI endgültig beantwortet sind, wird vermutlich sehr lange warten.
Mehr Fragen als Antworten und genau darin liegt der Wert
Nach zwei intensiven Tagen in Heilbronn war eine Erkenntnis besonders präsent: Es gibt aktuell auf viele dieser Fragen keine abschließenden Antworten.
Wie viel Regulierung brauchen wir? Wie sichern wir digitale Souveränität? Wie verändern sich Berufsbilder? Welche Geschäftsmodelle entstehen? Wie verändert KI Kommunikation und Medien? Und wie schaffen Unternehmen den Spagat zwischen Innovation und Verantwortung?
Mit mehr Fragen als Antworten nach Hause zu fahren, muss deshalb nichts Negatives sein.
Im Gegenteil.
Transformation beginnt selten mit einer perfekten Lösung. Sie beginnt damit, dass Unternehmen die richtigen Fragen stellen, unterschiedliche Perspektiven zulassen und daraus Schritt für Schritt Entscheidungen ableiten.
Genau deshalb sind Formate wie der DIHK-Ausschuss für Kommunikation, Medien- und Kreativwirtschaft so wichtig. Unterschiedliche Branchen, Unternehmen und Expertisen treffen aufeinander und betrachten dieselbe Entwicklung aus völlig verschiedenen Blickwinkeln.
Neben der Begrüßung durch IHK-Präsidentin Kirsten Hirschmann kamen unter anderem Perspektiven von Sofie Schönborn von Schwarz Digits, Hauke Hannig, Vice President Communications & Global Affairs bei ebm-papst, Dr. Tobit Esch, CEO von 7 Hills Neo, sowie Julian Kulaga von der DIHK zusammen.
Der gemeinsame Nenner: Künstliche Intelligenz wird Wirtschaft und Gesellschaft weiter verändern. Die entscheidende Aufgabe beginnt aber jetzt erst.
Unser Fazit: Aus KI muss Unternehmensrealität werden
Unternehmen müssen nicht jedem neuen KI-Trend hinterherlaufen. Sie sollten aber verstehen, welche Entwicklungen für das eigene Geschäftsmodell relevant sind.
Dafür braucht es aus unserer Sicht vier Dinge: eine klare Strategie, sichere Rahmenbedingungen, die richtigen Kompetenzen und vor allem die Bereitschaft, konkrete Anwendungen auszuprobieren.
KI sollte kein Selbstzweck sein. Sie ist dann wertvoll, wenn sie Menschen unterstützt, Prozesse verbessert, neue Möglichkeiten eröffnet und einen messbaren Nutzen für Unternehmen oder Kunden schafft.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste KI-Frage für Unternehmen im Moment gar nicht: „Was wird in fünf Jahren möglich sein?“
Sondern vielmehr: „Was können wir heute bereits sinnvoll verändern?“

